Der grüne Chinese
Im Damensportclub Das Manuskript mit dem Tagebuch der Baronesse Wanda von Branndenburg ist für Marie zunächst versiegelt - denn sie kann kein Sütterlin lesen. Noch nicht. Zum Glück hat sie ihren Opa Willi, der die Handschrift der mysteriösen Autorin mühelos entziffert. Doch irgendwann ist Opa Willi müde und überspringt beim Vorlesen viele Seiten. So entgeht Marie eine ganze Passage. Zu ärgerlich - und gleichzeitig Ansporn für sie, sich endlich ins Sütterlin einzulesen. Wir haben mehr Glück: Wir müssen nicht Sütterlin lernen. Hier ist sie, die Fahrt zum Berliner Damen-Turn-und Fechtclub! Als Bertha und Johanna kommen, um den Tisch abzuräumen, legt Justus seine Hand auf Berthas. »Sagen Sie, was glauben denn Sie, wo die Herrschaften sein könnten?« »Ich weiß es nicht, gnädiger Herr. Dabei denke ich immerzu drüber nach.« »Vielleicht haben sie mal eine Sehenswürdigkeit in einer anderen Stadt erwähnt, die sie aufsuchen wollten. Einen Kurort? Ein entferntes Reiseziel? Vielleicht gibt es Verwandte, die sie immer schon besuchen wollten? Oder einen Geschäftspartner, einen Wissenschaftler-Kollegen, der in einer anderen Stadt wohnt? Möglicherweise eine Tagung, zu der der gnädige Herr fahren wollte? Schließlich ist er Professor für Chemie an der Universität.« Bertha hört ihm aufmerksam zu, nach jeder Frage schüttelt sie wieder den Kopf. Ich stehe dabei, neben mir das Küchenmädchen, wir sehen von einem zum anderen. Mir fallen unsere Bekanntschaften ein, die zu Mamas Gesellschaften kommen oder bei denen wir hin und wieder zu Gast sind. »Bertha … die beiden haben doch sicherlich Freunde?« »Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein.« »In Onkel Gustavs Zimmer steht ein Tisch, an dem acht Besucher Platz finden, dieser Tisch hier im Esszimmer ist noch weitaus größer … Sie müssen Besucher gehabt haben, sie geben Gesellschaften?« Bertha ist unschlüssig. »Besucher … nur einen alten Professor. Aber der ging sofort mit dem gnädigen Herrn in sein Arbeitszimmer.« »Der alte Professor hatte eine Visitenkarte. Während Sie die nach hinten zu Onkel Gustav trugen, haben Sie die doch sicher gelesen?« Bertha schüttelt nur den Kopf. »Ich merke mir keinen Namen. Und die gnädige Frau … geht meist aus dem Haus.« »Hatte sie keine Besucher?« »Doch … ein, zwei Mal.« »Und, wer war da?« »Nun … eine Dame.« »Den Namen, Bertha, wir brauchen den Namen!« Bertha schüttelt den Kopf, Tränen steigen ihr in die Augen. »Ich würde so gerne helfen …« »Nicht weinen, Bertha, es ist nicht so schlimm. Vielleicht wissen Sie zufällig, wo Tante Emmy ihr Notizbuch aufbewahrt?« Bertha nickt freudig, doch, das weiß sie. »In ihrer Handtasche! Immer!« »Vielleicht hat sie ein Doppel?« »Nein, gnädiges Fräulein, davon wüsste ich!« Also wieder nichts, kein Notizbuch, keine Freundin. Wenn ich eine Freundin hätte, ich würde ihr so viel anvertrauen … Da fällt es mir ein, ich springe auf, laufe in den Korridor, reiße Tante Emmys Zimmertür auf, hole das Bild vom Toilettentisch, laufe zurück ins Esszimmer. Eine Dame hastet nicht, Wanda, eine Dame bewegt sich gemessenen Schrittes. Obwohl ich traurig und ratlos bin, muss ich plötzlich laut loslachen. Ich halte Bertha die Fotografie vors Gesicht, Bertha beginnt zu strahlen. »Ja, das ist ein schönes Bild! Endlich lächelt sie mal, unsere Frau Baronin!« Sie nimmt das Bild aus meiner Hand, hält es weit von sich ab. »Die Aufnahme ist ganz neu, aus dem Sommer. Unsere Gnädigste fährt seit Juli da raus nach Johannisthal. Vielleicht möchten Sie auch einmal mit ihr mitfahren, gnädiges Fräulein?« Jetzt lache ich schon wieder. Ich, Mamas Tochter, in einem Club, in dem Damen Sport treiben, augenscheinlich ganz ohne Sonnenschirm, stattdessen bewaffnet mit einem riesigen Bogen. »Ja, Bertha, das werde ich machen. Heute sagen Sie mir erst einmal, ob Sie eine von diesen Damen kennen.« Bertha mustert die Fotografie eingehend, jede Sportlerin, jedes Gesicht. Rechts neben Emmy steht eine schlanke Dame mit hoch aufgesteckter dunkler Lockenpracht, links neben Emmy eine kleinere rundliche Dame in schwedischem Blond. Bertha tippt auf die Blonde. »Ja, hier, das ist sie … diese Dame war einmal bei uns zum Tee. Und sie hat manchmal angerufen. Dann haben sie lange telefoniert.« »Und wie heißt sie?« Berthas Lächeln rutscht wieder in sich zusammen. »Sie heißt Baronin von … von … Ich weiß, daran müsste ich mich erinnern …« Wir halten das Ende von einem ganz kleinen Faden in der Hand, eine winzige Hoffnung. Besser als hier in der Wohnung zu sitzen und nur zu warten ist es allemal. Justus kleidet sich in ein vornehmes helles Sakko und wählt dazu einen Panama-Hut. Seit wir hier in dieser Wohnung sind, sieht er überhaupt nicht mehr wie ein Chauffeur aus. Wahrscheinlich hat er das Gleiche in seinem Zimmer vorgefunden wie ich: einen vollen Kleiderschrank. Ich entscheide mich für ein hellgraues Seidenkostüm, eine weiße Sommerbluse mit Spitzen unter dem Stehkragen, einen schmalen Federhut. Als ich aus meinem Zimmer komme und durch den Korridor auf ihn zulaufe, bleibt Justus stehen, wo er gerade steht, und sieht mir entgegen, aber er sagt kein Wort. Wir laufen die Treppe hinab, Wernicke stürzt aus seiner Portiersloge. »Juten Morjen, die Herrschaften!« Er knallt die Hacken zusammen, salutiert. Wirklich, er legt die Hand an den Mützenrand wie ein echter Ulan! Über seiner Loge prangt ein riesiges Kaiserbild. Zuerst salutiert er zu Ende, dann springt er vor und öffnet für uns die Tür. »Wünsche einen juten Tach un anjenehme Verrichtung!« Wir treten auf die Straße hinaus, der Regen hat aufgehört, die Sonne scheint selbst so früh am Morgen mit solch einer Kraft, dass die Gehsteige wieder völlig getrocknet sind. Dieser Tag wird wie die letzten, ein drückend heißer Sommertag. Was würden wir zu Hause in Branndenburg heute machen? Auf der Wiese unter den hohen Tannen sitzen, kalte Limonade trinken, wahrscheinlich nicht einmal Tennis spielen. Justus reißt mich aus meinen Gedanken. »Wanda, Sie reden überhaupt nicht mehr davon, dass Sie nach Hause wollen. Ich möchte Ihre Wünsche keinesfalls übergehen. Der Weg zum Sportclub ist weit, wir brauchen mindestens eine Stunde … Wenn Sie wollen, bringe ich Sie zuerst nach Branndenburg.« Ich drehe mich zu ihm um, Fußgänger laufen an uns vorüber, zwei Straßenkehrer schaufeln Kehrichthaufen in eine Rückenkiepe, hinter dem Schaufenster vom Zigarrenladen steht ein junger Kommis in Weste und weißem Kragen und sieht neugierig zu uns heraus. »Nun, Wanda, wohin wollen Sie gefahren werden?« »Ich komme lieber mit Ihnen, Justus, lassen Sie mal.« Justus wirft mir einen Blick zu, nickt, nimmt meinen Ellenbogen, dirigiert mich zwischen all den Fußgängern hindurch an den Straßenrand und winkt einer Droschke. Aber er nimmt nicht die erste beste, nein, Droschke um Droschke lässt er vorüberfahren und beguckt Fahrzeug und Fahrer. »Wenn ich nur wüsste, worauf Sie warten!« »Wir nehmen doch keine Pferdedroschke, Wanda! Damit würden wir wieder Stunden brauchen. Und keinen Suppentriesel. Und keine Straßenbahn!« Schließlich fällt seine Wahl auf eine Kraftdroschke neuerer Bauart, mit einem Fahrer, der besonnen und vernünftig aussieht und ungefähr die Statur von Justus hat. Aber den ersten Missklang gibt es schon, als der Fahrer aussteigt, um mir beim Einsteigen behilflich zu sein. »Du setz dich mal an dein Lenkrad! Der Baronesse helfe ich selber!« Und so geht es weiter. Der Mann fährt die Friedrichstraße hinunter, überquert die Linden, hält sich südwärts in Richtung Hallesches Tor. Der Verkehr ist so dicht, dass wir fast nur im Schritttempo vorwärtskommen. »Warum sind Sie denn nicht über den Schlossplatz gefahren?« »Da jeht et ooch nich schneller, heute is halb Berlin unterwegs, und übern Schlossplatz schon jrade.« Die Brillengläser von Justus funkeln, nein, er ist nicht mehr ruhig und gelassen und unbewegt wie eine preußisch-korinthische Säule, schon seit zwei Tagen nicht mehr. Der Fahrer macht sich keine schweren Gedanken, was er mit diesem Fahrgast wohl falsch gemacht hat, er drückt die Hupe, ruft den Fußgängern Achtung zu, gestikuliert wild und manövriert sich trotzdem nur im langsamsten Tempo die überfüllte Straße entlang. »Wo soll’s denn hinjehen, draußen in Johannisthal?« Justus hält ihm die Fotografie vom Damensportclub hin, im Hintergrund, hinter den mit Bogen bewaffneten Damen, ist unscharf die Einfahrt zu einem ländlichen Gasthof zu sehen. »Den werden Sie doch kennen, oder?« Der Fahrer wirft Justus einen zweifelnden Blick zu, Fahrgäste haben bei ihm das Fahrtziel präzise anzugeben, mit Straße und Hausnummer. Doch dann nickt er gönnerhaft. »Aber sicher, jnädiger Herr, da bring ick Sie hin! Dadrauf könn Se Jift nehmen! Und am besten sofort!« Es ist ein weiter Weg nach Johannisthal, und es dauert nicht eine Stunde, es dauert zwei. Wir zuckeln endlos durch Berlin, von Straße zu Straße werden die Häuser kleiner, schließlich haben sie nur noch ein einziges Stockwerk, am Ende steht gar kein Haus mehr am Straßenrand. Ohne Schatten liegt die Chaussee in der Mittagssonne, dem Chauffeur stehen Schweißperlen auf der Stirn, er würde zu gerne seine Uniform öffnen, aber das verkneift er sich heute wohl lieber. Justus fächelt mir und sich selber mit seinem Panama-Hut Luft zu. Allerdings, je schneller wir vorwärtskommen, umso mehr kühlt uns endlich der Fahrtwind. Wir überqueren die Spree, fahren am Tor einer Maschinenfabrik vorüber und an einer unendlich langen roten Backsteinmauer. Neben der Straße laufen die Schienen der Eisenbahn, immer wieder hüllen Züge die Straße in graue Wolken aus Ruß und Dampf. Irgendwann biegen wir von der großen Straße auf eine kleinere, es geht geradeaus, geradeaus, geradeaus, bald liegen nur noch Bäume und Wiesen vor uns. Was für Mühen nimmt Tante Emmy jede Woche auf sich, um zu ihrem Sportclub zu kommen! Kurz vor einem schattigen Waldstück, zwischen Wiesen und Weiden, beugt sich der Fahrer nach hinten. »Hier janz in der Nähe jibt’s ’nen Jasthof. Ick globe, det is, wat Sie suchen! Haben die Herrschaften wat einzuwenden, oder dürfte ick ne Abkürzung vornehmen?« »Hauptsache, wir kommen an!« Der Fahrer hängt den Winker raus, biegt schnittig hinein in den Wald. Nach nicht einmal einhundert Metern versperrt eine rotweiß gestreifte Schranke den Weg, der Schrankenwärter ist gerade eben fertig mit dem Herunterkurbeln. Er winkt uns zu, der Vorortzug braust vorbei, voll besetzt wie all die anderen Züge, die uns bisher entgegengekommen sind. In allen Fenstern erblicken wir dicht gedrängte Gesichter, sogar auf den Perrons schieben die Menschen sich eng zusammen. Der Schrankenwärter kurbelt gelassen die Schranken wieder nach oben. »Wie die Heringe! Een Zug nach dem annern. Wat is heute los in Berlin?« Wir fahren weiter, zuerst unter Bäumen, dann zwischen Kuhweiden und Feldern, durch prallen Sonnenschein. Fünf Minuten fahren wir, zehn Minuten, eine Viertelstunde, dann endlich kommt wieder ein Wald, endlich Schatten, hohe Eichen, ausgefahrene Wege, glücklicherweise sind wir nicht mit dem Landauer unterwegs. Am Ende der schrecklichen Straße liegt wirklich ein Ausflugslokal, ein weitläufiger Garten, umgeben von einem weißen Staketzaun, griechische Statuen, die auf kleinen Säulen unter den alten Eichen stehen. Am Grünen Strand der Spree steht in verschlungenen Buchstaben auf dem Schild, das quer über der Einfahrt zwischen zwei hohen Eichen hängt. Justus tippt dem Fahrer auf die Schulter, deutet auf einen kleinen Platz, auf dem Pferdekutschen und Automobile stehen. Endlich, endlich sind wir da. Justus hält mir die große Eingangstür auf. Überall gehen Damen in weißen Kleidern, wie wir sie von Tante Emmys Fotografie kennen, ein Portier steht an einem vornehmen Empfang zwischen weißgoldenen Pilastern, Pagen laufen herum, allenthalben elegante Geschäftigkeit. Wir durchqueren die Eingangshalle, ohne dass uns irgendjemand zur Kenntnis nimmt. Eine lange Reihe von halboffenen Holzhäusern, gemütlichen Sitzecken, Umkleidekabinen und Sporträumen beginnt, Aufwärter mit kühlen Getränken auf silbernen Tabletts eilen durch die Gänge. Sie grüßen uns höflich, nur Justus streift hin und wieder ein erstaunter Blick. Schließlich kommt einer der älteren Aufwärter auf uns zu. »Gnädiger Herr, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Das ist nicht schicklich bei uns! Herren haben hier keinen Zutritt!« Er weist höflich auf eine kleine Sitzgruppe aus Rattansesseln unter dem Dach eines Pavillons. »Bleiben Sie ruhig hier, Justus, ich schaffe das schon.« »Ich werde dem gnädigen Herrn sogleich eine Erfrischung bringen.« Der Aufwärter eilt mit seinem Tablett davon. Ich durchquere einen langen laubenartigen Umbau, der von Licht durchflutet ist, über jeder Tür, die ich durchschreite, hängt ein Porträt unseres Kaisers, auch in der kühlen Halle, in der die Damen in Clubsesseln ruhen und sich mit Getränken erfrischen, auch in dem Saal, in dem ein Klavierspieler und eine Vorturnerin sich vor einem kleinen Publikum abmühen. Überall sind Damen, blonde, braunhaarige, schwarze, Gesichter, Gesichter. Wie soll ich die finden, die ich suche? Ich gehe weiter, von Raum zu Raum, starre jede von ihnen an, irgendwann wird schon die Richtige kommen. Hinter der Halle öffnet sich eine breite Veranda in den Garten hinaus, auch hier sitzen Damen in Sesseln und Liegestühlen. Auf dem weitläufigen Rasenplatz vor der Veranda stehen drei Zielscheiben aus dickem Stroh, größer als mannshoch. Etliche Meter entfernt stehen drei Turnerinnen, die Rücken zur Veranda gewandt, sie heben ihre Bogen, ein Kommando ertönt, die Pfeile rasen den Zielscheiben entgegen, durchschlagen sie krachend und vibrieren, bis sie endlich zur Ruhe kommen. Nach drei Pfeilen wird eine kleine Fahne gehoben, die Bogen werden zur Seite gelegt, die Schützinnen holen ihre Pfeile zurück. Auf dem Rückweg hebt eine von ihnen den Arm und winkt zur Veranda herüber. Sie dreht sich zu den anderen um, auch die lächeln und winken. Ein heißer Blitz durchfährt mich. Wen meinen die denn? Etwa mich? Keine der Damen in den Liegestühlen scheint das Winken zur Kenntnis zu nehmen. Ein ganz klein wenig hebe ich die Hand und winke zurück. Mit wem verwechseln die mich? Ein flinker Kellner eilt auf mich zu, hält mir sein silbernes Tablett mit einem Glas Limonade entgegen. »Eine kleine Erfrischung, gnädige Frau? Wenn ich mir eine Frage erlauben darf: Sie sind sicher zum ersten Mal hier?« Wie aufmerksam das Personal in diesem Club ist, eine kühle Erfrischung ist genau das, was ich jetzt am nötigsten habe. Unter dem Dach ist es schattig, aber die Luft steht still, hier weht kaum ein Lüftchen. Nach dem peinlichen Auftritt mit der winkenden Bogenschützin ist mir noch heißer geworden. »Ich bin zum ersten Mal hier, ja, aber ich will gar nicht turnen, ich bin auf der Suche nach einer Freundin meiner Tante, der Baronin von Branndenburg.« Er lächelt. »Ja … die Damen geben immer drei Schüsse ab, und das dreimal hintereinander.« Er nickt mir zu, dreht sich weg und geht. Wovon spricht dieser Mann? Ich steige die Stufen hinunter in den Garten, ein kleiner Brunnen plätschert, ein breiter Kiesweg führt zu einem üppigen Rosenbeet. Hinter einer hohen Hecke steht eine kleine Bank, hier, weitab von Zielscheiben und Liegestühlen, überlege ich mir, wie ich am besten vorgehe. Gut, ich kann jeder einzelnen Dame ins Gesicht starren, es ist mir ganz egal, wie die Damen das finden. Aber was ist, wenn sie nicht hier ist? Nun, dann wiederhole ich das Ganze eben morgen noch einmal, falls Tante Emmy nicht doch heute endlich nach Hause kommt. Da sitze ich auf dieser Bank, denke nach, lasse meinen Blick über den weißen Staketzaun in die Landschaft wandern. Erlen und Eichen, Wiesen und Felder … und plötzlich fällt mir etwas ganz anderes auf. Ja, Bogenschießen ist eine feine Sache, aber bei unseren gemischten Doppeln in Branndenburg hat Tante Emmy niemals auch nur einen Schläger in die Hand genommen, nur äußerst selten hat sie uns überhaupt auf den Tennisplatz begleitet. Bei allem, was mit Turnen und Bewegung zu tun hat, langweilt sie sich. Dass sie mit einer dieser sportbegeisterten Damen befreundet ist, ist daher doch ziemlich unwahrscheinlich! Hinter mir knirschen Schritte über den Kiesweg. »Wanda, da sind Sie ja!« Ich fahre herum. Eine Dame steht mitten auf dem Weg, sie ist ungefähr so alt wie Emmy, hat blondes Haar, durch das sich silberne Fäden ziehen. Sie ist nicht gerade schlank, aber wenn sie sich bewegt, wirkt sie immerhin schmaler als auf der Fotografie. Sie hält ihren riesigen Bogen in der Hand, über der Schulter trägt sie immer noch ihren Köcher mit Pfeilen. Ja, jetzt erkenne ich sie – war sie es, die mir vorhin zugewinkt hat? Ich stehe auf und gehe ihr einige Schritte entgegen. »Sie haben Recht, ich bin Wanda von Branndenburg. Mit wem habe ich die Ehre?« »Hach, nicht so förmlich, mein Kind. Im ersten Moment dachte ich, Emmy wäre doch noch gekommen. Aber dann habe ich Sie erkannt. Emmy hat oft von Ihnen erzählt. Ich kenne auch eine Fotografie von Ihnen. Sie sehen Emmy nahezu ähnlich, wissen Sie das? Auch wenn das eigentlich gar nicht sein kann …« Die Dame lehnt ihren Bogen an die Hecke, hält mir die Hand entgegen. »Ich bin Baronin Fanny von Schwartz. Seit Emmy zu uns in den Club kommt, bin ich eng mit ihr befreundet.« Mir will schon die Frage über die Lippen, wie eng diese Freundschaft wohl sein kann, wenn Tante Emmy erst seit diesem Sommer hierherkommt, aber ich verbeiße sie mir. Die Baronin von Schwartz zieht mich zurück zu der Bank, sieht lächelnd in mein Gesicht, legt sogar ein ganz klein wenig den Arm um mich. »Und, liebe Wanda, wo ist sie denn nun? Es ist langweilig ohne sie! Sie war schon seit einer Woche nicht mehr hier!« Sie lächelt noch immer, aber ihre Augen blicken forschend in mein Gesicht. »Ja nun … ich weiß nicht … sie ist …« Oje, darüber, was ich über Tante Emmy erzählen will, hätte ich vorher nachdenken sollen, auch darüber, was lieber nicht. Zwei Stunden Fahrt auf der langen Chaussee hätte ich dafür Zeit gehabt. Am besten sage ich kein Wort über das zerstörte Schlösschen, auch nicht über die seltsamen Anrufe, die wir von Gustav und Emmy erhalten haben! Aber … was sage ich dann? »Ist Emmy krank? Hat sie sich erkältet?« Ich schüttele den Kopf, aber dann murmele ich doch etwas von einem entzündeten Hals und verordneter Ruhe. »Das erklärt alles. Ich hatte schon Sorge, ihr wäre etwas passiert.« Sie lenkt ihren Blick in die Ferne. »Schauen Sie, Wanda. Da hinter der Wiese bauen sie einen Flugplatz … einen Platz, von dem Flugzeuge aufsteigen können! Nicht auszudenken, kleine Automobile mit Flügeln, mit denen Menschen sich in die Lüfte erheben! Manchmal sitzen wir hier, und wenn wir Glück haben, steigt genau in dem Moment so eine kleine brummende Maschine auf. Allerdings – meistens fällt sie ziemlich schnell wieder herunter …« Fanny von Schwartz scheint nur auf das Panorama aus Bäumen und Wiesen zu schauen und auf ein kleines Flugzeug zu warten, aber aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sie mich von der Seite beobachtet. »Sagen Sie bitte, Frau Baronin …« »Sagen Sie Fanny zu mir, mein Kind!« »Sagen Sie bitte, Fanny, wieso haben Sie sich Sorgen um Emmy gemacht, wieso dachten Sie, ihr könnte etwas passiert sein?« »Wieso ich das dachte?« Jetzt wendet sie mir doch wieder ihr Gesicht zu, sie streicht über ihre Frisur, nestelt eine lockere Haarsträhne zurecht. Leichte Röte steigt ihr vom Hals her in die Wangen. »Aber das … das dachte ich doch gar nicht, mein Kind. Wie kommen Sie darauf?« »Weil ich seit zwei Tagen in ihrer Wohnung auf sie warte und mir ebenfalls Sorgen mache!« »Ach?« Mit Fannys Ruhe ist es schlagartig vorbei, sie springt von der Bank auf. »Was bedeutet das, Wanda?« »Sie hat mich eingeladen, sie zu besuchen, aber sie ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen.« »Wie bitte? Was?« Fanny von Schwartz ringt mühsam um Fassung. »Und was ist mit Gustav?« »Der ist auch … nicht da.« Mit lautem Plumpsen fällt Fanny auf die Bank zurück, schlägt die Hände vor das Gesicht. Ich glaube, ich höre sogar leises Schluchzen. Deshalb lasse ich meine Stimme so sanft klingen, wie ich nur kann. »Wenn Sie wissen, wo Emmy ist oder was ihr passiert sein könnte, sollten Sie mir das sagen!« Sie schluchzt auf. »Aber ich weiß nichts!« Das sieht gar nicht so aus. Ich versuche, höflich zu sein. »Ich bitte Sie! Fanny!« Langsam nimmt sie die Hände vom Gesicht, keine Träne schimmert in ihren Augen. War das Schluchzen nun echt oder spielt Fanny Theater? Wir starren uns an. Vorne auf dem Rasenplatz gibt es plötzlich einen Tumult, Gläser klirren, Damen schreien. »Oh mein Gott! Seht doch! Seht!« Fanny von Schwartz springt auf, macht einen Schritt um die Hecke herum und schaut hinüber zum Rasenplatz. Ich ahne schon, was passiert ist: Justus hat es auf seinem Rattanstuhl nicht mehr ausgehalten und ist in die Damenbereiche vorgedrungen. Da fällt ein riesiger Schatten über Fanny und mich. Die Baronin von Schwartz greift nach meiner Hand, wir blicken nach oben. Wirklich, dort über uns ist etwas … Riesengroßes. Es schwebt, höher als alle Bäume, es ist rund, glatt, wie ein fliegender Bergfried. Das Ding glänzt in der gleißenden Sonne, an seiner Unterseite spiegelt es dunkel den Schatten, den es über Wiesen und Felder wirft. Mir fällt ein Bild ein, eine Erinnerung, die schon lange verblasst ist. Ein Urlaub am Bodensee, siebzehn oder achtzehn Jahre alt war ich damals, von meinen Schwestern waren erst Sophie Henriette, Henriette Charlotte und Marie Isabell geboren. Auf einer Wiese am Ufer hatten wir Mädchen mit Mama und Papa gestanden und über den See geblickt, zusammen mit vielen anderen Schaulustigen. Zuerst war ein langes Haus auf den See hinausgefahren, ein Bootsschuppen, wie Papa uns sagte, was für sich genommen schon ein seltsamer Anblick war. Dann war aus dem Schuppen heraus ein Gebilde geschwommen, lang wie ein Haus, rund, wie eine millionenfache Vergrößerung der Zigarren, die Papa damals noch rauchte. Und dann hatte diese Zigarre sich ganz langsam in die Lüfte erhoben, war mit der Spitze schräg voran höher und höher gestiegen, bis sie dann schwebte, weit oben über dem Wasser des Bodensees. In der kleinen Gondel an ihrer Unterseite sah man, wenn man sehr gute Augen hatte, winzige Menschen zu uns herunterwinken. Wir standen am Ufer, atemlos, und winkten hinauf. Das hier … ja, das hier muss auch so ein Zeppelin sein. Da stehen wir und starren nach oben, die Damen auf dem Rasenplatz schreien voller Begeisterung. »Hoch lebe Kaiser Wilhelm II.! Hoch! Hoch!« Die Baronin von Schwartz stimmt in die Rufe ein. Im ersten Moment denke ich, ich habe mich verhört, aber nein, sie ruft laut und feurig, ihr Gesicht strahlt vor Verzückung. »Hoch Kaiser Wilhelm! Er lebe hoch, hoch, hoch!« Und mit dieser Dame ist Tante Emmy befreundet? Von weitem sehe ich, wie Justus auf die Veranda herausgerannt kommt, wie er sich suchend umguckt, einen Blick hoch zum Himmel wirft, einen Blick herüber zu mir. Dann läuft er los, eine korinthische Säule rast auf mich zu, eine zweite korinthische Säule fliegt hoch über mir. Ich pruste los, die Baronin von Schwartz bemerkt das glücklicherweise nicht, so beschäftigt ist sie mit ihrem Jubel. Justus bleibt vor mir stehen, guckt mir ins Gesicht. »Wanda, ist alles in Ordnung?« Jetzt vergeht mir das Lachen, ich habe alles verdorben! Dieser Zeppelin hat die Baronin von Schwartz vor einer Antwort auf meine Frage bewahrt. Wir stehen lange und schauen, bis der Zeppelin nur noch ein kleiner Punkt am hellblauen Himmel ist. Die begeisterten Damen werden von hektischer Aufbruchstimmung ergriffen, zurück nach Berlin, den Zeppelin aus der Nähe sehen! Fanny von Schwartz legt schon wieder den Arm um mich und begleitet mich auf den Vorplatz. Und da, plötzlich, wendet sich für mich das Blatt. »Habe ich das richtig in Erinnerung, Wanda, Sie lieben das Theater?« Was für eine Frage, ich liebe es sehr, wenn man davon absieht, dass ich erst zweimal im Theater war und dass ich im Moment ganz andere Sorgen habe. »Hat Emmy Ihnen das erzählt?« »Ja, das hat sie. Von Ihrem Theaterbesuch im letzten Winter. Da haben Sie mit Emmy den Hamlet gesehen. Wie wäre es, Wanda – würden Sie heute Abend mit mir in eine Vorstellung gehen?« Mein Schritt stockt, was ist das für eine Frau? Eben noch saß sie schluchzend auf einer Bank … »Doch, Wanda, auch wenn Sie sich wundern. Vorgestern Abend war ich mit Emmy verabredet, wir hatten Karten für die Premiere von Don Carlos. Tilla Durieux als Prinzessin Eboli. Aber Emmy ist nicht gekommen! Sie hat auch nicht angerufen und abgesagt.« Fanny von Schwartz hält meine Hand, blickt forschend in mein Gesicht. Was will diese Frau von mir? Andererseits: Ich will etwas von ihr! So überraschend wie Zieten aus dem Busch taucht plötzlich diese zweite Chance vor mir auf! »Glücklicherweise habe ich die Karten getauscht, für die nächste Don Carlos-Vorstellung. Ich dachte, Emmy wäre unpässlich und würde in ein paar Tagen wieder auf den Beinen sein.« Ich starre sie an, hinter ihrem Rücken schiebt sich ein heller Herrenanzug in mein Blickfeld. Justus! Unsere Blicke begegnen sich, seine Brillengläser funkeln, aber er nickt beruhigend. Der Baronin von Schwartz entgeht nichts. »Nun, Wanda? Muss ich Sie wirklich überreden, ins Theater zu gehen? Immerhin – es wäre Tilla Durieux!« Ich beginne zögernd zu nicken. Doch, Justus hat recht, diesen Abend lasse ich mir nicht entgehen! Wie es weitergeht, steht natürlich im Buch: Der grüne Chinese von Dagmar Scharsich, Ariadne Krimi 1180, ISBN 978-3-86754-180-0 |
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